Es ist kein Geheimnis: Ich liebe Star Wars. Kaum eine andere Fiktion hat mein Leben so sehr geprägt. Doch mit dem Neustart dieses Universums nach der Übernahme von Lucasfilm durch Disney vor fünf Jahren entdecke auch ich neue Aspekte am Krieg der Sterne. Das trifft auch auf eine der Großen Drei zu: Leia Organa, die Prinzessin von Alderaan. Grund genug, ihr heute diesen Artikel zu widmen.

Von zwei ungleichen Geschwistern

Zu Beginn meiner Begeisterung für Star Wars hatte ich einen klaren Favoriten. Luke Skywalker war für mich als Kind eine ideale Projektionsfläche für die eigenen Hoffnungen und Träume. Er repräsentierte meinen Wunsch, aufregende Abenteuer zu erleben und besondere Fähigkeiten zu besitzen. Dass er ein Mann war, hat mich daran nie gehindert. Für mich vertrat Luke als Jedi-Ritter einen moralischen Kodex, mit dem ich mich zu weiten Teilen identifziere und bis heute einsetze: Er ist mitfühlend und gerecht, kann leiden und vergeben. Als Archetyp des Helden vertrat er all die Ideale, denen man im wahren Leben leider viel zu selten begegnet. Die Allegorie, die im Herzen des Star-Wars-Universums steckt, zog mich stets an und gab mir die Gelegenheit, in eine einfachere Welt zu träumen, als die, in der ich aufwuchs.

Lukes Schwester, Prinzessin Leia, war für mich eher uninteressant und ich ignorierte sie zu weiten Teilen, weil ich keine verbindenden Elemente empfand. In meinen Augen begleitete sie Luke zwar auf seiner Heldenreise und hatte ihre eigene legitime Nebenhandlung mit Han Solo, wurde aber nie als individuelle Figur beleuchtet – obwohl sie einige Sternstunden hat. Vielleicht verleitete mich das ebenfalls, sie als weniger wichtig wahrzunehmen? Ich höre schon Septa Unella mit der Glocke hinter mir herlaufen: Shame. *dong* Shame. dong* Shame.*dong*

Hätte ich doch nur mal besser aufgepasst.

Es lag nicht an Leia, sondern an mir.

Als Jugendliche habe ich nie wirklich bewusst über Leia als Figur nachgedacht. Ich hatte so ein vages Gefühl für sie und das bestand zum Großteil aus Gleichmut. Erst im nachhinein, als ich mich stärker mit der Bedeutung weiblicher Figuren auseinandersetzte, wurde mir klar, was Leia wirklich ausmacht. Ja, die Jungs retten sie aus der Zelle im Todesstern. Doch sie übernimmt das Zepter, um sie alle aus einer misslichen Lage zu bugsieren. Während auf Hoth die Rebellenbasis zusammenbricht, bleibt sie zurück, um die Evakuation ihrer Gefährten zu überwachen. Im Kontext der Siebziger und Achtziger war Leia also eine beispiellose Anführerin, die einzig hinter einer anderen Frau, Mon Mothma, zurückstehen musste. Sie feuerte keinen Blaster ab und schwang kein Lichtschwert, aber sie hat Passion und Kampfgeist. Sie handelt aus freien Stücken, aus eigener Überzeugung. Also alles, was eine echte Rebellin braucht.

Warum tat ich mich also so schwer mit ihr? Es brauchte auch auf meiner Seite wohl eine gute Portion Reife, um Leia als starke Frauenfigur zu erkennen. Als Mädchen kämpfte ich mich Minderwertigkeitsgefühlen und Menschenscheu. Die Idee, dass jemand den Mund so aufmachen konnte wie Leia, war für mich unvorstellbar. Im Film, ja. Im wahren Leben? Niemals!

Mit Anfang Dreißig liegen diese Probleme langsam hinter mir. Ich bin im Arbeitsleben angekommen und fechte meine eigenen Kämpfe. Plötzlich trage auch ich Verantwortung und habe es mir selbst zur Aufgabe gemacht, meine jüngeren Kollegen zu fördern und anzuspornen. Mit einem Mal ist eine Anführerfigur wie Leia da gar nicht mehr so weit von mir weg. Tatsächlich ging mir ein wenig das Herz auf, als ich die gereifte Leia zum ersten Mal in »Das Erwachen der Macht« auf der Leinwand sah. Ich erkannte in ihr eine alte Freundin. Ich erkannte mich selbst in ihr.

Wenn ich also wieder einmal in einem Meeting sitze, das mehr einem Debattierclub gleicht, oder ich einem Mexican Standoff mit Kollegen oder Kunden ins Auge blicken muss, sollte ich vielleicht einen von Leias Sprüchen zitieren. Und wenn ich nur für mich den Kampfgeist wachrufe.

»I recognized your foul stench when I was brought on board.«
– Prinzessin Leia zu Gouverneur Tarkin

Von der Prinzessin zu Präsidentin der Herzen

Zu Leias Figur gehörte neben diesem Kampfgeist sicherlich auch immer ihr Daseins als Politikern. Immerhin wird sie zu Beginn von Episode 4 als eine Senatorin vorgestellt, die das Imperium verraten und sich den Rebellen angeschlossen hat. Es ist also logisch, dass Leia nach dem Sieg über das Imperium in die galaktische Politik zurückkehren würde. Im alten Expanded Universe (Star Wars Legends) trieb man es sogar soweit, dass Leia bis an die Spitze der Macht marschierte und zur Präsidentin der Neuen Republik wurde.

Allerdings setzten sich die Autoren darüber hinweg, dass ein solcher politischen Posten schlecht mit einem Plot zu vereinbaren war, der Leia dazu zwang, am anderen Ende der Galaxis mit einem Gewehr herumzufuchteln. Dass dies einen inneren Konflikt für die Figur darstellen könnte, wurde nur selten thematisiert. Wichtiger war es, dass Leia ihren Ehemann, Bruder oder ihre Kinder aus einer brenzligen Situation befreien musste. Alternativ verfrachtete man sie an Bord eines Raumschiffes und verbannte sie an sie Seite eines militärischen Stabs, während Han und Luke an der Front kämpften. In beiden Fällen war der politische Backlash oft eher überschaubar.

Als letzten Ausweg machte man sie dann noch zu einer Jedi. Ich muss gestehen, an dieser Stelle bin ich aus dem Expanded Universe ausgestiegen. Nicht wegen Leia, aber wegen immer bizarreren Plots und Charakteren, die stellenweise allmächtig waren. Die Figuren hatten so viele Krisen durchstanden und Feinde durchlebt, dass es unrealistisch wurde. Daher habe ich mich insgeheim sehr gefreut, als das Expanded Universe ad acta gelegt wurde. Zwar zerren die Verantwortlichen nun immer wieder beliebte Charaktere zurück in den Kanon, aber sie planen insgesamt mit mehr Überblick und Weitsicht. Etwas, dass dem EU zuweilen fehlte. In diesem Zuge haben sie sich auch Leia wieder vorgeknöpft und sie in einem neuen Licht betrachtet. Und es ist ist großartig.

Warum General Organa so viel stärker ist

Mit »Das Erwachen der Macht« bekam Leia eine zweite Chance. Von der handlungsunfähigen Präsidentin und übermächtigen Jedi kehrte sie zurück zu ihren Wurzeln: Sie wurde die Anführerin einer neuen Rebellion. Aus der Prinzessin wurde eine gereifte Generalin – und es ist einfach f*cking großartig.

»General? To me, she’s royalty.«
– Lor Sen Tekka zu Poe Dameron

Ich habe die Vermutung, dass diese neue Stärke auch darin begründet liegt, dass diesmal Luke der MacGuffin ist, der gefunden werden muss, und damit als Hauptfigur aus der Saga verschwindet (fürs Erste zumindest). Leia bekommt neuen Handlungsspielraum, der sie nicht an Han und Luke bindet, obwohl beide Männer große Bedeutung für sie haben. 

Mir gefällt vor allem die Darstellung von Leias innerem Konflikt. Auf der einen Seite ist sie eine Frau mit starken politischen Überzeugungen. Sie setzt sich mit aller Kraft dafür ein, dass Demokratie und Gerechtigkeit eine Chance haben. Dieser Kampf kommt allerdings mit einem hohen Preis: die Liebe und das Leben ihres Sohnes. Sie fühlt sich zerrissen zwischen ihren Pflichten als Anführerin und Mutter. Ein Konflikt, den ich hochgradig spannend finde und der General Organa zu einem so viel interessanteren Charakter macht als es Prinzessin Leia oder Präsidentin Organa Solo es je gewesen ist. Ich bin gespannt darauf, wie sie ihre Entwicklung in »Die letzten Jedi« fortführen werden.

Der einzige Wermutstropfen: Leia ist in »Das Erwachen der Macht« eine Figur mit großer Bedeutung für den Weltenbau, bekommt trotz allem wenig Screentime. Aber Star Wars wäre nicht Star Wars, wenn es nicht Bücher, Comics und mehr gäbe, die Abhilfe schaffen.

Leia vor dem Widerstand: Zwei Buchempfehlungen

In ihrem Roman »Bloodline« beleuchtet Autorin Claudia Gray (Evernight, A Thousand Pieces of You) die Jahre vor »Das Erwachen der Macht«. Das Buch zeigt Leia als erfahrene, aber auch ermattete Senatorin, die gegen die bürokratischen Windmühlen einer Republik kämpft, die sie selbst mitbegründet hat. 

Hier bekommen wir auch endlichen die politischen Konsequenz von Leias Handeln zu sehen, die meines Erachtens im Expanded Universe gefehlt haben. Das delikate Detail, dass nicht Bail Organa, sondern Anakin Skywalker alias Darth Vader ihr leiblicher Vater war, wird hier zu einer wichtigen Repressalie, die Leia als Politikerin entmachten soll. Sollte dieses Geheimnis an die Öffentlichkeit gelangen, würde es sie politisch ruinieren und der jungen Ersten Ordnung großen Aufschwung bringen.

Was nach »House of Cards« im intergalaktischen Gewand klingt, ist vor allem ein Roman, der von Leia als starker Frauenfigur getragen wird und ihre Beweggründe genauer beleuchtet. Obendrein ist Claudia Gray eine begnadete Erzählerin, der es gelingt, den drögen Polittalk in einen lockeren Fluss zu bringen.

Und weil es gerade so verdammt gut passt: Am 1. September erschien Claudia Grays neuer Roman »Leia, Princess of Alderaan« – ein Buch, auf das ich mich persönlich sehr freue. Es beleuchtet Leias Jahre als Jungsenatorin bevor sie der Rebellenallianz beitrat. Eine Ära, die aus ihrem Blickwinkel bislang wenig beleuchtet wurde und sicherlich Spaß machen wird. Laut Gerüchten soll Leia in diesem Buch sogar einen Doktortitel haben. Es ist also kanonisch: Sie ist eigensinnig, kämpferisch und klug. Und da Claudia Gray schon bei »Bloodline« und »Lost Stars« einen hervorragenden Job gemacht hat, zweifle ich nicht daran, dass ihr neues Werk Leia absolut gerecht wird.

Ein paar Worte zum Schluss

Zusammengefasst könnte man sagen: Es hat lange gedauert, bis ich Leia als Figur verstehen und schätzen gelernt habe. Aber es hat sich gelohnt. Ihre Verwandlung von der jungen Prinzessin zur gereiften Veteranin steht ihr hervorragend und setzt ein starkes Zeichen für andere weibliche Figuren – und für Frauen an sich. General Organa zeigt uns eine Anführerin, deren Stärken Leidenschaft und Kampfgeist sind. Sie zweifelt und hadert, aber sie tut, was sie tun muss. Eine Stärke, die ich mir in meinem eigenen Leben gerne aneignen und an jüngere Frauen weitergeben würde.

Danke an alle Leser, die bis hierher durchgehalten haben. Ihr seid Klasse. Und wenn ihr mich noch mehr über Star Wars werden lesen wollt: Ich habe im Februar für die Herzenswelten-Reihe auf Geekgeflüster einen Beitrag über meine Liebe zum Krieg der Sterne geschrieben, den ihr euch hier ansehen könnt.

Bildquellen: Disney Lucasfilm Press, Del Rey Books

General Organa: Der Siegeszug einer Prinzessin

Category: Lesen
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7 comments

  • Hach, dieser Post macht mich gerade so glücklich!
    Leia war für mich schon von Anfang an ein riesiges Vorbild, gerade weil sie (fast) die einzige Frau in den alten Star Wars-Filmen war. Inzwischen liebe ich sie mit jedem neuen Buch und Film mehr, besonders Bloodline fand ich wie du auch fantastisch. Von Claudia Grays neuem Buch wusste ich allerdings noch gar nichts – wird sofort bestellt, sobald es auf Amazon wieder lieferbar ist!

    Ganz liebe Grüße!

    • Hi Mara,
      vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Es freut mich sehr, dass dir der Artikel gefallen hat. Mission erfüllt ☺️

      Ja, Figuren wie Leia gibt (gab) es in Star Wars leider viel zu selten. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Mal sehen, was in den nächsten Jahren noch so auf uns Fans zukommt.

      Ja, das neue Buch. Meine Aisgabe kommt wahrscheinlich auch erst in zwei Wochen. Muss meine Vorfreude sehr im Zaum halten. Ich hoffe, wir werden beide unseren Spaß beim Lesen haben. ☺️

      Viele Grüße
      Katharina

      • Ja, warten wir es mal ab! Bin auf jeden Fall schon sehr gespannt, wie sie die Geschichte in Episode VIII weiterlaufen lassen werden! 🙂

        Aber mal eine Frage: Mach ich bei deinem Kommentarfeld irgendwas falsch? Diese komplette Großschreibung in meinem ersten Kommentar war nämlich definitiv nicht beabsichtigt 😀

        • Keine Ahnung, was da schief gelaufen ist. Mir ist aber auch aufgefallen, dass einige Einstellungen für die Kommentare noch nicht richtig waren. Habe deinen Kommentar einfach „händisch“ korrigiert. Ich hoffe, das war okay. ☺️

  • Na toll. Jetzt will ich auch noch „bloodline“ lesen. Ich hab’s schon ein paar mal gesagt, aber nochmal: Dieses Franchise nachzuholen macht mich fertig, ey. aber ein toller Text, ich mag wie deine Star Wars-Liebe immer deutlich zu spüren ist, wenn du darüber schreibst. <3

    • Haha, du hattest mal so etwas auf Twitter erwähnt. Trotzdem freue ich mich, dass du dich durchbeisst. 😀
      Von allen neuen kanonischen Büchern kann ich „Bloodline“ wirklich empfehlen. Es gibt das Buch inzwischen auch auf Deutsch, falles es das einfacher macht.
      Und was die Liebe angeht: Sie war ein paar Jahre fast vergessen, aber momentan brennt sie wieder sehr heiß. Ist doch schön, wenn das zu spüren ist. ☺️

  • […] „General Organa: Der Siegeszug einer Prinzessin“ (katharinajach.de) […]

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