Von Word Counts und Erwartungshaltungen

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Ein paar Worte vorweg: Während ich diesen und die nachfolgenden Beiträge schrieb, trieb mich ein tiefes Verlangen. Allerdings wusste ich da noch nicht so recht, was es war, das ich brauchte, um mich wieder wohl in meiner Haut zu fühlen. Vielleicht war es einfach die schiere Menge an Gedanken, die sich in den letzten Wochen in mir angestaut hat, die einfach mal aufs digitale Papier gebracht werden musste. Jedenfalls hatte das Schreiben eine wahrhaft kathartische Wirkung auf mich.

Wie in schon einigen älteren Posts geht es auch in diesem um Produktivität und die Erwartung an die eigene Leistungsfähigkeit. Es ist, was ich einen Jammer-Post nennen würde. Eigentlich mag ich es nicht, diese Beitrag zu schreiben (oder auch nur die Gedanken zu denken, die dahinter stecken). In diesem Fall aber war es wohl notwendig, damit ich wieder klar denken konnte. Nur so konnte ich die kritische Erwartungshaltung, von der ich im Beitrag spreche, ein wenig abschütteln. Trotzdem freue ich mich über euren Input in den Kommentaren oder in den sozialen Netzwerken.

Also, wollen wir? 😉

So viel Zeit, so wenig Antrieb.

Seit einiger Zeit kämpfe ich zunehmend mit meiner Schreibzeit. Oder vielmehr mit meiner Produktivität während dieser besagten Zeit. Denn obwohl ich inzwischen über eine große Spanne freier Stunden verfüge, hat meine Leistung im Bezug auf das Schreiben ironischerweise nachgelassen. Es gibt Tage, an denen vergesse ich, welche Ziele ich mir für mein Leben als Autorin gesteckt habe. An anderen Tagen nehme ich es mir fest vor zu schreiben, finde dann aber wieder so viele Gründe, es nicht zu tun, dass es Abend wird, bevor ich mich wirklich an mein Manuskript setze. Es ist fast so, als würde ich nur dann effizient schreiben, wenn ich nur eine eingeschränkte Zeitspanne zur Verfügung habe. Was kein Wunder ist, habe ich doch über viele Jahre meine Schreibzeit in die Abendstunden nach der eigentlichen Arbeit gequetscht. Schreiben war viele Jahre eine reine Freizeitbeschäftigung. Mich an einen neuen Tagesablauf zu gewöhnen, der Schreibzeit zu einer früheren Zeit vorsieht, fällt mir unendlich schwer.

All das hat mich in letzter Zeit viel über Erwartungshaltungen nachdenken lassen. Denn ich stoße immer wieder ein Grenzen, die sich in meinem Inneren aufgebaut haben und mich nicht nur davon abhalten, mein volles Potential auszuschöpfen, sondern sich manchmal so beklemmend anfühlen, als wollten sie den kreativen Funken ganz und gar ersticken. ich spreche natürlich von der Erwartung an mich selbst als Autorin und an die Leistung, die ich rein theoretisch zu erbringen hätte.

Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich selbst, wie ich eine Menge kreativen Output aufs Papier bringe und innerhalb kürzester Zeit einen Roman nach dem nächsten fertigstelle. Dieses Wunschbild meiner Selbst forciere ich, in dem ich mich über soziale Medien mit anderen Schreibenden vergleiche und mich jedes Mal selbst verteufle, wenn jemand ein neues Buch herausbringt. Dann wächst dieser Druck in meinem Inneren ins Unermessliche und bewirkt das genaue Gegenteil. Statt mich auf meine Arbeit zu konzentrieren und Spaß beim Schreiben zu haben, empfinde ich eine schreckliche Pflicht, die sich mit der Zeit in Versagensangst steigert. Eine perfekte Vorlage für jede Schreibblockade. Und so verbringe ich ganze Tage damit, »Dragon Age: Inquisition« zu spielen, ohne auch nur einmal meinen Computer hochgefahren zu haben.

Schwankungen in der kreativen Leistung

Das Problem ist natürlich die überzogene Erwartungshaltung an mich selbst. Soviel habe ich schon herausgefunden. Allerdings weiß ich noch nicht, wie ich diesen Druck wieder loswerde kann, wenn er sich erst einmal aufgebaut hat. Ich habe es schon mit Yoga und Meditation versucht, konnte dabei allerdings nicht das Gefühl nervöser Unruhe abstellen, dass mich begleitet. Oftmals half es nur, mich einfach hinter ein Manuskript zu setzen und etwas zu tippen – egal was – um die kreativen Säfte in Wallung zu bringen. Manchmal kam dabei ein halbwegs dezentes Kapitel für »Schwertseelen« heraus. Manchmal das Fragment eines Blog-Posts, das ich auf halber Strecke zur Vollendung verwarf und in den Mülleimer verschob. Dies gab mir zumindest das Gefühl, nicht ganz versagt zu haben. Sobald ich die Arbeit aber für ein paar Tage unterbreche, um beispielsweise meine Familie zu besuchen, fällt mir die Rückkehr zur kreativen Arbeit unendlich schwer.

Das beste Beispiel für diesen Kampf mit der eigenen Erwartungshaltung sind die Word Counts – also die Menge an Wörtern, die man in einer bestimmten Zeitspanne zu produzieren vermag. In meinem Fall sind dies oftmals kurze Sprints von 20 bis 30 Minuten. An guten Tagen schaffe ich zwischen 400 und 500 Wörtern in einem Sprint. Wenn ich richtig gut drauf bin, können es auch mal 600 oder gar 700 Wörter sein. Und wenn es so gar nicht läuft, sind es auch nur um die 200 Wörter. Zwar kenne ich diese Differenzen in meiner Leistung und weiß auf Verstandesebene, dass sie vollkommen normal sind. Trotzdem tue ich mich schwer, an dieser Balance festzuhalten. Immerhin habe ich jetzt so viel Zeit. Da müsste ich doch viel produktiver sein, nicht wahr?

Inzwischen glaube ich, dass Beschränkungen der Schlüssel zu großen kreativen Leistungen sind. Natürlich brauchen wir einen freien Geist und ein Umfeld, dass uns kreativen Freiraum erlaubt, doch es braucht auch gewisse Parameter, die unsere Arbeit begrenzen, damit wir gezwungen sind, innerhalb dieser Parameter das Beste aus uns herauszuholen. Fehlen diese Rahmenbedingungen, ist alles möglich – auch die grenzenlose Prokrastination. Umso wichtiger ist es zu lernen, die Rahmenbedingungen selbst zu setzen und sich auch daran zu halten. Wie das gelingen kann, habe ich allerdings noch nicht herausgefunden.

Routinen sind eine verzwickte Angelegenheit

Ich habe mittlerweile drei dutzend verschiedener Beiträge gelesen, die dabei helfen sollen, die eigene Zeit besser zu managen. Fast alle schlagen vor, man solle sich gleich morgens die nötige Zeit für kreative Arbeit einteilen, weil man dort noch ungestört ist. Dieser Ratschlag beruht natürlich auf der Prämisse, dass man durch Familie oder das Büroumfeld nicht die nötige Ruhe für diese Art Arbeit hat. Bisher habe ich allerdings noch keinen Beitrag darüber gefunden, wie man dies anstellt, wenn man quasi den ganzen Tag ungestört ist und man so ziemlich jede Aufgabe vor sich herschieben kann. Wenn ihr hier Ratschläge kennt – immer her damit.

Außerdem raten fast alle freiberuflichen Kreativen zum Aufbau einer felsenfesten Routine (meist mit besagter Kreativzeit am Morgen). Meine Routine sieht derzeit allerdings eher so aus, dass ich erst gegen 8:30 Uhr aufstehe, bis 12 Uhr Kaffee trinke und die Zeit vertrödle, bevor ich irgendetwas anderes anfange. Bis ich dann zu meinem Manuskript komme (falls ich es überhaupt aufmache), ist es bereits abends. So gesehen ist es eine Art von Routine, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich mich mit ihr wohl fühle.

Über Jahrzehnte habe ich gedacht, dass ich eine Morgenperson bin. Ich kann gleich nach dem Aufstehen plaudern, arbeiten und vieles mehr. Zwischen 8 und 12 Uhr kann ich ackern wie ein Gaul. Doch durch diese schleppenden Tage verpasse ich aber genau diesen Time Slot und rutsche gleich in mein Nachmittagstief, bevor ich abends noch einmal Gas geben kann. Diese Verschiebung zum Abend hin lässt mich an meinem Selbstverständnis zweifeln. Bin ich vielleicht doch eine Nachteule? Oder versaue ich mir meinen Tagesrhythmus mit hemmungsloser Prokrastination?

Ich weiß nicht recht, was ich mit diesen Gedanken anfangen soll. Hölle, ich weiß momentan nicht einmal, was ich selbst mit mir und meinem Schreiben anfangen soll. Ich schwanke täglich zwischen Euphorie für meine Geschichten und der totalen Unlust, an ihnen zu arbeiten. Vielleicht muss der Frust darüber einfach mal irgendwo hin. Vielleicht braucht es aber auch noch so viel mehr Zeit, um in meinem neuen Leben anzukommen. Eigentlich weiß ich nur, dass ich keine Ahnung habe, ob es eine Antwort auf meine Fragen gibt. Das ist wohl die Sache, wenn man sich ins Ungewisse wagt. Es gibt keine Schablonen mehr für das eigene Leben. Man muss alles von Grund auf neu entwerfen – und das ist nicht ganz so leicht wie ich gedacht habe.

Liebe Grüße
Katharina

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