Warum Kreativität Mut braucht

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Surft man mit einer Vorliebe für schöne Zitate und Typografie eine Weile durchs Netz, wird einem früher oder später ein Spruch des Malers Henri Matisse über den Weg laufen: »Creativity takes courage«. Kreativität braucht Mut. Diese drei Worten erzeugen bei vielen Kreativen eine Resonanz, auch bei mir.

In Wahrheit hat es sehr lange gedauert, bis ich gemerkt habe, für wie viele Dinge man tatsächlich Mut braucht, wenn man sich daran macht, kreativ tätig zu werden. Und dass es keinen Unterschied macht, ob man »nur« einem Hobby nachgeht oder das jeweilige Handwerk zum Beruf macht.

Deswegen also heute etwas zum Thema Mut – warum man ihn braucht und warum es sich es sich für mich am Ende immer gelohnt hat, tapfer zu sein.

Mit Mut gegen die Versagensangst

Es ist eine Situation, die wohl viele Kreative kennen. Tagträumend sitzt man da und malt sich eine Idee in allen Farben des Regenbogens aus. Etwas Besseres ist einem noch nie eingefallen. Es ist die pure Genialität. Mir passiert das gerne auf dem Weg zur Arbeit oder auf langen Spaziergängen entlang der Alster. Die Träume in meinem Kopf sind echter als die Welt um mich herum und ich brenne darauf, aus einem Gedanken Wirklichkeit werden zu lassen. Ich eile zum Schreibtisch (oder in meinem Fall zum Sofa), klappe den Laptop auf… und finde mich zwei Stunden später in einer Endlosschleife aus Wikipedia-Artikeln und YouTube-Videos wieder. Meine Idee begeistert mich noch immer, aber beim Gedanken daran, anzufangen, würde ich am liebsten auf die Tastatur speien.

Zum Glück haben wir für diesen Zustand ein Wort erfunden: Prokrastination. Ich schiebe meine Arbeit solange vor mir her, wie ich nur kann. Ich geißel mich selbst ins Unermessliche. Nur ein spontaner Sprung ins Ungewisse kann mich jetzt noch retten.

Denn hinter meiner Prokrastination steht auf die Angst vor dem Versagen. So prächtig und bunt, wie ich mir meinen Traum, meine Idee, ausmalen konnte, sehe ich auch meine eigenen Unzulänglichkeit vor mir. Und hier kommt der Mut ins Spiel.

Es braucht Mut, die eigene Angst zu überwinden, weil man sich nie sicher sein kann, ob eine Idee so gelingt, wie man sie sich ausgemalt hat. Jedes Projekt birgt das Potential zu scheitern. Das kann einem schreckliche Angst einjagen. Aber wenn man sich dieser Angst nicht stellt und den Mut hat, sie zu überwinden, wird man nie etwas zustande bringen. Man verbleibt in einer Welt des Was-wäre-wenn. Oder man fasst sich ein Herz und wagt den Sprung ins Ungewisse. Frei nach der Devise: Better done than perfect.

Mit Mut gegen die eigenen Grenzen

Ich bewundere Kunstschaffende, die sich einem bestimmten Sujet verschrieben haben, sei es in Literatur, Film, Fotografie, Illustration oder Design. Diese absolute Fokussierung auf ein Thema erlaubt die Erkundung aller Spielarten innerhalb der Themenwelt und bringt manches Mal echte MeisterInnen hervor.

Wie man vermuten kann, gehöre ich nicht in diese Art Künstlerin. Meine Gedanken sind ein wirres Netz, ein dichter Nebel, den ich schreibend zu erkunden suche. Oft weiß ich erst, was ich denke und fühle, wenn ich es aufgeschrieben habe. Mein Unterbewusstsein ist oft weiser als ich selbst und ich brauche meine Kunst, das Schreiben, um diese Weisheit zu Tage zu fördern und mich selbst und die Welt um mich herum besser zu verstehen. Dabei stoße ich oft an meine eigenen Grenzen. Ich stehe davor und in meinem Kopf heult der Alarm: Das kannst du nicht tun. Das solltest du nicht tun. Das darfst du nicht tun. Und so weiter und so fort …

Es sind die Schranken in meinem Kopf, die es zu überwinden gilt. Nur Mut erlaubt es mir, meine eigenen Grenzen zu finden, zu erkennen und letztendlich zu überwinden. Sehr oft (zu oft) schreibe ich Beiträge oder Kurzgeschichten oder auch nur einen Tweet und halte kurz vor der Veröffentlichung inne und bekomme Muffensausen. Und sehr oft (zu oft) folge dem Zögern ein Klick auf den Löschen-Button. Dabei geht es weniger um das, was ich selbst geschrieben habe, sondern um das, was andere von mir denken könnten. Nur wenn ich bereit bin, sie zu überwinden, kann ich mir selbst begegnen, mich wahrhaft mitteilen und dabei noch Neues über mich lernen.

Mit Mut Nein sagen lernen

Egal, was man umzusetzen versucht, man stößt unweigerlich an die eigenen Grenzen. Seien es die zeitlichen Grenzen, weil der eigene Tagesablauf zu vollgestopft ist, oder aber auch handwerkliche Mängel, weil man noch nicht erfahren genug ist, die eigene Vision gescheit umzusetzen. Und nicht zuletzt lernt man die eigenen Stresslevel kennen.

Vor ein paar Jahren war ich in einer Agentur beschäftigt, in der ich zum Schluss von 9 Uhr morgens bis 22 Uhr abends arbeitete. Jeden einzelnen Tag. Meine Pause bestand lediglich aus einem kleinen Spaziergang zur nächsten Bäckerei, bevor ich mein Mittagessen hastig am Schreibtisch verschlang. Ich wusste, dass ich ein Problem hatte, doch mir fehlte der Mut, nein zu sagen. Ich war nicht mutig genug zu sagen: Es reicht! Erst als ich einen Monat später mit Herzproblemen in der Notaufnahme lag, musste ich einsehen, dass diese Feigheit mir keinen Gefallen tat. Tags darauf schrieb ich meine Kündigung und das Herz wurde mir wieder leichter.

Seitdem weiß ich, wo meine Grenze ist, wenn es um den Workload geht, wie man so schön sagt. Heute kenne ich die Warnsignale, die mir mein Körper gibt, und ich achte auf sie, auch wenn ich gerade die Zeit hätte, meinen Beruf, das Schreiben und die Arbeit am Podcast unter einen Hut zu bringen. Denn Zeit allein bringt nichts, wenn Kopf und Körper nicht mehr mitspielen.

Mit Mut gegen den Mainstream

Egal, was du machst, jeder hat eine Meinung zu deinem Werk. Wirklich jeder. Selbst der Schwippschwager einer angeheirateten Cousine aus Opas dritter Ehe. Das wäre gar kein Problem, wenn man diese Meinung weniger oft und weniger ungefragt serviert bekäme.

Als ich mit dem Schreiben anfing wurde ich von meiner eigenen Familie belächelt. Ich solle doch lieber etwas Vernünftiges mit meiner Zeit anfangen. Schreiben, das könne ich doch noch, wenn ich in Rente wäre. Also in etwa 50 Jahren. Selbst als ich nach meiner Ausbildung zur Werbekauffrau sagte, dass ich mich an der Texterschmiede bewerben und mit dem Schreiben Geld verdienen wolle, war die Skepsis riesengroß. Erst seit ich meine zweite Festanstellung als Texterin bekam, rät mir niemand mehr, was Vernünftiges mit meiner Zeit anzufangen. Denn – Gott sei Dank – das Kind steht in Lohn und Brot.

Klar, nicht bei allen läuft das so. Und sicherlich verstecken sich hinter all diesen Wortmeldungen oft gut gemeinte Ratschläge und echte Sorgen. Trotzdem zwingen sie Kreativschaffende dazu, sich permanent selbst zu erklären. Dabei geht es weniger darum, seine eigene Arbeit zu erläutern, sondern sich dafür zu rechtfertigen, warum man nicht wie der Rest der Menschheit einen Job annimmt, den man nicht mag, um 45 Jahre und mehr in einem Laden zu arbeiten, den man nicht leiden kann. Denn es gilt ja als ungehörig, sich ein Leben auszusuchen, in dem nicht der dreiwöchige Urlaub im Robinson Club auf Korfu das persönliche Jahreshighlight ist.

Es braucht also jede Menge Mut, gegen den Strom zu schwimmen. Das gilt übrigens nicht nur für kreative Menschen und ihre Projekte. Ein Leben zu leben, dass einem gefällt, erfordert mehr Mut als alles andere.

Sei der Flamingo, nicht die Taube

Tja, und wozu nun dieses Manifest? Weil ich glaube, dass wir alle mehr Mut gebrauchen können. Aber ich glaube auch, dass man diesen Mut, diese Kraft, an Orten finden kann, an denen man sie am wenigsten vermutet. Zum Beispiel in der Unterstützung anderer. Seit ich angefangen habe, mich um jüngere Texter und Texterinnen zu kümmern, macht es mich unwahrscheinlich glücklich zu sehen, wie sie aus sich herausgehen, tapfer sind und für ihre Visionen kämpfen, wenn sie nur ein wenig ermutigt werden. Und das wiederum gibt mir die Kraft, immer weiterzumachen und mich ständig weiterzuentwickeln.

Das hätte ich mir niemals träumen lassen. Als ich 2010 meine Ausbildung zur Werbekauffrau abschloss, stand ich gefühlt vor dem Nichts. Ich war nicht gut ausgebildet und schlecht auf die Arbeitswelt vorbereitet. Zudem war das, was ich da eigentlich machte, überhaupt nichts für mich. Es wäre ein Leben im Kompromiss geworden. Also fasste ich mir ein Herz, schrieb meine Bewerbung und biss mich in Hamburg durch einige sehr schwere Anfangsjahre in der Kreativbranche.

Rückblickend könnte ich sagen, dass kreativ zu sein eines der größten Geschenke meines Lebens ist. Meine Fähigkeit zu Träumen hat es mir möglich gemacht, mir ein neues Leben vorzustellen. Mein Mut hat mir geholfen, diesen Traum in Wirklichkeit zu verwandeln. Ich habe mich von einer kleinen grauen Taube, die im Schwarm der Unglücklichen, in einen Flamingo verwandelt.

Wenn man mich also fragt, ob ich etwas mit diesem Beitrag bezwecken möchte, dann würde ich sagen: Wenn meine Worte und Taten nur einem Menschen die Kraft geben, tapfer zu sein, dann habe ich mein Ziel erreicht. Denn ich glaube fest daran, dass Kreativität und Mut ein ganzes Leben ändern können.

Wenn du magst, geht’s bei Fieberherz weiter

Meine gute Autorin-, Blogger- und Podcast-Kollegin Steffi hat mir erlaubt, auf ihrem Blog über Zweifel, Ängste und meinen persönlichen Umfang mit selbigen zu schreiben. Ihr findet einen Beitrag »Zeig dich Zweifel, du findest mich eh« auf ihrem Blog Fieberherz. Dort findet ihr noch viele weitere Artikel übers Schaffen und Schreiben. Wir lesen uns dort. <3


Bildquelle: Ella Jardim via Unsplash.com

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