Schreiben im Home Office: In der Realität angekommen

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Seit etwas mehr als zwei Monaten arbeite ich nun von zuhause. Genauer gesagt von meinem Küchentisch aus. Hier überarbeite ich meinen Roman, plane Blogartikel, erstelle Grafiken und entwickle Konzepte. Meine Küche ist das Epizentrum meines Autorenlebens und meines Brotjobs gleichermaßen. Anfangs liebte ich es, mich gleich nach dem Aufstehen hinzusetzen, den Rechner aufzuklappen und sofort loszulegen. Kein Bedarf für schicke Klamotten oder eine Schicht Make-up. Oftmals schrieb ich bis zum frühen Nachmittag, machte dann eine Pause, um mich gegen 18 Uhr noch mal an die Arbeit zu machen. Da ich allein lebe und auch keine Beziehung pflegen muss, bin ich ziemlich frei in meiner Zeiteinteilung. Und genau da liegt ist der Haken. Denn nur weil ich frei über meine Zeit verfügen darf, heißt das noch lange nicht, dass ich es auch kann.

Tschüss, Strukturen!

Nach 14 Jahren mit einem festen Vollzeit-Bürojob hatte ich mich in meinem Leben ziemlich gut eingegroovt. Ich wusste, wann ich aufstehen und welche Bahn ich nehmen musste. Ich kannte alle wichtigen Projekte, meine Kollegen und meine Aufgaben. Zwar waren einige Briefings, an denen ich in der Agentur arbeitete, äußerst knifflig, alles in allem fand ich  einen soliden Rahmen für meine Arbeit vor. Es verlief alles in ziemlich geregelten Bahnen – und genau das fing irgendwann an, mich zu nerven. Ich hatte das Gefühl, nicht mehr wachsen zu können. Die Strukturen, in denen ich so lange gelebt und gearbeitet hatte, wirkten wie eine Kruste, die ich abreißen musste. Und genau das tat ich dann auch.

Seitdem arbeite ich teils als Autorin, teils als Texterin in einem kleinen Team. Beide Bereiche, das Texten als auch das Schreiben, gehen ziemlich fließend ineinander über. Ich arbeite nicht nach festen Uhrzeiten, sondern nach Abgabeterminen. Im Januar fand ich diese Vorstellung so aufregend, dass ich vor Begeisterung fast platzen wollte. Im Februar kam es dann zu einem Einbruch bei meiner Produktivität. Es fiel mir schwer, mich zu konzentrieren und alle Aufgaben unter einen Hut zu bringen. Die Gefahr, tagsüber vor meiner Playstation oder Netflix zu versumpfen, stieg rapide an. Schuld daran war unter anderem die fehlende Routine. Mal stand ich um 8 Uhr auf, dann wieder um 11 Uhr. Manchmal arbeitete ich von morgens bis zum frühen Nachmittag, manchmal konnte ich mich erst zum Abend durchringen, mich ans Werk zu machen.

Eine Zeit lang fühlte sich das wie Urlaub an. Dann holte mich aber die Realität ein. Mir wurde klar, dass die alten Strukturen, die ich so sehr verteufelte,  auch ein Schutzschild gewesen waren. Sie hatten den Takt meines Lebens vorgegeben und waren nun verstummt. Ich würde eine neuen Takt finden müssen, wenn ich aus diesem Loch wieder herauskommen wollte.

Carpe Diem für Anfänger

Wie es der Zufall wollte, traf ich mich kurz darauf mit einer befreundeten Freelancerin, die vor einigen Wochen ihre eigene Agentur gegründet hat. Auch sie arbeitete viel von Zuhause aus (ihr Schreibtisch stand in der Abstellkammer). Während unseres Spaziergangs erzählte sie mir, dass sie mit haargenau den gleichen Problemen zu kämpfen hatte wie ich – Routine, Prozesse, Workflows. Alles schien auf einmal so viel länger zu dauern und so viel komplexer zu sein, als es früher der Fall war. Und nicht nur das, der Raum für Selbstzweifel wird dadurch so groß, dass es einen lähmen kann.

Es tat so gut, zu hören, dass ich nicht allein mit meinen Gedanken war. Dass mein Chaos ein Problem ist, mit dem viele Selbstständige zu kämpfen haben. Zum Glück haben die meisten von ihnen Taktiken entwickelt, um sich selbst und die eigene Arbeit besser zu organisieren. Seitdem beschäftige ich mich unter anderem mit Time Blocking als Zeitmanagement-Methode. Außerdem helfen die Berichte anderer Autor*innen, wie etwa dieses Video von Katrin Ils über realistische Jahresplanungen.

Zum behaupten, ich hätte diese Dinge bereits perfekt implementiert, wäre schlicht gelogen. Aber ich gebe mein Bestes. Immerhin haben mich die Überlegungen zu meinem eigenen Zeitmanagement zu einer wichtigen Erkenntnis gebracht: Ich bin keine (Schreib-)Maschine. Ich brauche mehr Zeit, als ich ursprünglich gedacht habe. Kreativsein ist ein Prozess, der nur selten auf Knopfdruck passiert. Und ja, manchmal heißt das auch, eine Woche über einer Passage des Manuskripts sitzen und zu grübeln, warum sie nicht funktioniert.

Das geht komplett gegen meine inneren Instinkte. Ich bin eine unglaublich ungeduldige Person, vor allem mit mir selbst. Wenn mir Dinge nicht auf Anhieb gelingen, sinkt meine Frustrationsgrenze unter Null. Kein Wunder, dass mir die Überarbeitung meiner Geschichten manchmal den letzten Nerv raubt. Aber da muss ich durch. Und ich werde es schaffen.

Meine Angst ist nur ein Indikator

Ich gebe zu, ich hatte zwischendurch ziemlichen Schiss. Als ich das letzte Mal die Möglichkeit hatte, meine Zeit frei zu gestalten, verfiel ich in eine starke depressive Episode, in der ich nichts mit mir anzufangen wusste. Das war damals nach dem Abitur und während meines Studiums. Ich war so verloren in den nicht vorhandenen Strukturen, dass es mich wahnsinnig machte und ich alles hinschmiss. Ja, ich habe das Studium abgebrochen, weil mir die Struktur fehlte, und bin stattdessen zu einer Ausbildung mit geregelten Arbeitszeiten übergegangen.

Wenn ich nun aber das erreichen will, was ich mir erträumt habe – ein selbstbestimmtes Leben als Autorin – werde ich das tun müssen, wovor ich am meisten Angst habe. Ich muss für mich selbst da sein und meine eigenen Lösungen finden müssen. Es ist, was Anna Sabino in ihrem Buch Creative Career als »Starting at Zero« beschreibt. Und, auweia, hatte ich keine Ahnung, was das bedeutet.

Entleeren wir unseren Kopf und fangen noch mal bei Null an.
Werfen unser altes Leben von unseren Schultern.
– Shaban & Käpt’n Peng, »Werbistich«

Mir war vorher nicht wirklich klar, wie komplex mein Leben werden würde. Natürlich wusste ich, dass neue Aufgaben auf mich zukommen würden, wie etwa das Marketing für meine Bücher, die Betreuung meines Newsletters, die Vorbereitung für die Teilnahme an den Buchmessen. All das waren Aspekte meiner Arbeit, auf die ich mich freute. Worauf ich mich nicht freute und was ich deswegen auch geflissentlich ausgeblendet habe, waren alle organisatorischen Dinge. Das fängt bei der Einnahmen-Überschuss-Rechnung für die Steuer an und hört beim Nachbestellen des Toners für meinen Drucker auf. Ich hatte absolut keine Ahnung, wie wichtig diese Dinge sind, weil ich sie in all den Jahren in meinem Bürojob nie wirklich beachtet habe.

Witzigerweise führt mich all das zurück zu meiner kaufmännischen Ausbildung. Die liegt nun zwar schon 10 Jahre zurück, trotzdem hilft sie mir heute, meine Arbeit zu strukturieren und die Dinge in die Hand zu nehmen. Ich muss nur all die Angst beiseite schieben, die an mir nagt. Die Angst vor Fehler ist dabei mein größtes Problem, denn ich werde Fehler machen. Ohne Fehler kann ich nicht lernen und wenn ich nicht lerne, kann ich nicht wachsen. So einfach ist das. Man könnte also sagen: Meine Angst zeigt mir mein eigenes Potential auf. Sie deutet auf die Bereiche meines Lebens, in denen ich am meisten wachsen kann. Es ist an mir, dieses Potential auszuschöpfen – und das ist irgendwie eine sehr verlockende Vorstellung.

Wie geht es nun also weiter?

Langsamer als gedacht, aber so schnell wie möglich. Die Überarbeitung verlangt gerade viel von meiner Geduld und ich muss mein neues Zeitmanagement erst noch erproben. Aber nachdem ich nun einen Monat sehr gegrübelt und mir allerhand Horrorszenarien ausgemalt habe, habe ich mir selbst den Druck rausgenommen, in dem ich meinen inneren Leistungsanspruch heruntergeschraubt und neue Rahmenbedingungen für mein Schreiben geschaffen habe. Damit geht es mir um einiges besser und ich bin davon überzeugt, dass man das auch am Ergebnis meiner Arbeit sehen wird.

  1. Mrz 11, 2019 9:22 pm

    Ich stelle mir das auch immer super toll vor. Aufstehen wann man will, nicht mal richtig anziehen oder gar waschen *g* Aber ich glaube, dass ich trotzdem immer 8 Uhr am Tisch sitzen würde, schon weil ich morgens am produktivsten bin und abends dann lieber lesen würde.

    Ich bin schon so gespannt auf den Roman. Ich habe auch die 99 Cent Einführung dazu gelesen, die mir schon ganz gut gefallen hat. Auch habe ich Lost City Boys gelesen und finde das du daraus unbedingt mehr machen solltest! Aber das ist ja nur meine Meinung. Beides natürlich auf dem großen A….. rezensiert.

    Gruß
    Jana

    • Mrz 12, 2019 10:42 pm

      @Jana

      Liebe Jana,

      erstmal das Wichtigste: Wow, ich bin platt!
      Danke, dass du dir die Mühe gemacht hast, beides zu rezensieren. Das bedeutet mir eine ganze Menge! <3 Der Roman braucht leider noch ein wenig, aber ich arbeite hart daran, dass es bis zum Herbst was wird mit der Veröffentlichung. Also spätestens. 😉 Ich hoffe, dass du am Ende auch davon begeistert sein wirst.

      Nun aber zurück zum Artikel: Es ist auch toll, so frei zu sein. Aber eben auch tückisch. Man läuft wirklich Gefahr, irgendwann mit den Pyjamahosen zu verschmelzen, weil man sich nicht mehr für irgendwas zurecht machen muss. XD Ich bin aber genau wie du morgens am Produktivsten, deswegen ist die Idee, sich gleich mit dem ersten Kaffee an den Rechne rzu setzen auch so verlockend. Ich schaue einfach mal, wie sich mein Tagesablauf so entwickelt.

      Liebe Grüße
      Katharina

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