Reden wir über »Blade Runner«

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Bis auf meinen Kurzurlaub in Wien war mein Geburtstag dieses Jahr ein recht umspektakuläres Ereignis. Kein Tohuwabohu, kein Drama. Einfach nur ein schöner Tag. Das hat den Fischer TOR-Verlag aber nicht davon abgehalten, am 24. August 2017 eine Neuübersetzung von Philip K. Dicks »Träumen Androiden von elektrischen Schafen?« (besser bekannt als »Blade Runner«) herauszubringen. Als ob da jemand geahnt hätte, womit er mich dieses Jahr glücklich machen kann.

Auch wenn ich oft und viel über Star Wars rede, ist Blade Runner einer der Filme, die mich in erzählerischer wie ästhetischer Hinsicht am meisten geprägt haben. Ich habe ihn inzwischen in Deutsch und Englisch etwas drölfzig Millionen mal gesehen und bin seiner immer noch nicht satt. Die düster-melancholische Stimmung trifft bei mir einen bestimmten Nerv, den nur wenige andere Werke berührt haben, und inspiriert mich jedes Mal aufs Neue. Umso glücklich war ich also über die Neuauflage des Buches und verschlang sie nach dem Kauf an nur zwei Abenden. Nach der Lektüre blieb ich erst einmal gedankenverloren zurück und sann über die Gründe nach, warum diese Geschichte mich eigentlich jedes Mal so packt. Und weil ich meinen Gedanken stets besser in Texten als in Worten ausdrücken kann, war dieser Beitrag unvermeidbar.

Die Backstory: Worüber reden wir hier eigentlich?

Nach einem katastrophalen Weltkrieg ist die Erde ein Trümmerfeld. Radioaktiver Fallout fällt vom Himmel wie Regen und krankmachender Staub hängt allzeit in der Luft. Die Menschen haben eigentlich nur eine Chance auf ein besseres Leben: die Auswanderung auf den Mars oder eine der anderen Kolonien. Um den Siedlern diese Reise schmackhaft zu machen, bekommen sie von der Regierung ein besonderes Geschenk. Bei ihrer Ankunft wartet ein eigener Android auf sie. Ein Sklave, nach ihren Wünschen gestaltet und frei Haus geliefert.

Auf der Erde sieht das allerdings anders aus. Hier sind Androiden verboten und müssen von der Polizei beseitigt werden. Darum kümmert sich Kopfgeldjäger Rick Deckard. Er soll Jagd auf eine Gruppe Androiden machen, die mit einer modernen Nexus-6-Gehirneinheit ausgestattet sind und ihren Erbauern damit intellektuell weit überlegen sind. Und hier beginnen auch schon die Unterschiede zwischen Buch und Verfilmung.

Ein Blick aufs Buch: Der Traum vom elektrischen Schaf

Blade Runner von Philip K. Dick in neuer Übersetzung

Bildquelle: tor-online.de

Deckards neuester Auftrag ist die Jagd auf eine Gruppe entflohener Androiden. Acht Stück dieser sogenannten »Andys« soll er in der Buchfassung ausschalten. Zwar macht sich Rick reichlich Sorgen, wie ihm das gelingen soll, da die neuen Nexus-6-Modelle den Menschen in fast allen Belangen gleichen. Sie sind genauso schön, genauso klug und genauso gefährlich. Nur eines können sie nicht: Empathie empfinden. Deswegen haben Wissenschaftler den sogenannten Voight-Kampff-Empathie-Test erfunden. Nur wer diesen Test besteht, der ist wahrhaftig ein Mensch. Wer durchfällt, darf laut Gesetz sofort aus dem Verkehr gezogen werden. Deswegen muss Deckard einen Androiden nach dem anderen aufsuchen und seine Fähigkeit zur Empathie auf die Probe stellen.

Deckards wahres Problem ist allerdings ein anderes: das elektrische Schaf, dass auf seinem Hausdach lebt. Dieses verdammte Schaf. Es erinnert ihn stets daran, dass sein echtes gestorben ist und er seitdem im sozialen Status genauso wenig Ansehen hat wie die »Spezialen« – Menschen mit vermindertem IQ, dem die Auswanderung auf den Mars verboten ist. Die Jagd auf die Andys soll Deckard die nötigen Penunzen einbringen, damit er sich endlich wieder ein echtes Tier kaufen kann, um endlich zu zeigen, dass auch er jemand ist.

Gleichzeitig haust der Speziale J.R. Isidore in einem verlassenen Haus und hat plötzlich neue Nachbarn. Erst später bemerkt er, dass diese die von Deckard gesuchten Androiden sind. Doch für ihn sind sie genauso menschlich wie echte Menschen – weil sie genauso gemein und grausam zu Sonderlingen sind wie echte Menschen.

Vergleich zum Film: Der Roman, weitergedacht.

In den Grundzügen folgen Roman und Film der selben Geschichte, allerdings wurden für die Umsetzung in bewegten Bildern viele Details geändert. So verschwand Deckards Ehefrau Iran komplett von der Bildfläche, während die Androiden-Frauen Pris Statton und Irmgard Batty zu einer Figur verschmolzen. Den unfreiwillig komischen Spitznamen »Andy« für Android tauschte Ridley Scott gegen »Hautjob« (engl. »Skinjob«) und nannte die künstlichen Menschen »Replikanten«. Aus J.R. Isidore, dem Spezialen, wurde J.F. Sebastian, ein genetischer Designer, und die Rosen-Werke zur Tyrell Corporation. Auch die Thematik um das elektrische Schaf entfällt, ebenso die Fernsehreligion des Mercertums oder der Streit um kontrollierte Emotionen durch sogenannte Stimmungsorgeln. Stattdessen konzentriert sich der Film voll und ganz auf die Frage des Mitgefühls, die auch der Romanvorlage innewohnt. Dabei spürt vor allem Hauptfigur Rick Deckard mehr und mehr der Frage nach: Was bedeutet es eigentlich, ein Mensch zu sein?

»Menschlicher als der Mensch, das ist unser Motto.«
– Dr. Eldon Tyrell zu Rick Deckard

Roy Batty erhält hier als Anführer der Replikanten eine größere Rolle und fungiert im Film als perfekter Gegenpunkt zu Deckard. Wo Rick lebensmüde und zynisch ist, brennt Roy geradezu vor Lebensdurst. Er empfindet Schmerz und trauert um seine gefallenen Kameraden, während Deckard einen nach dem anderen aus dem Verkehrt zieht. Erst mit der Zeit erkennt Deckard das Menschliche in der Maschine und beginnt seine eigene Sicht der Welt zu hinterfragen. All das gipfelt in einem mysteriösen Ende, das die Frage aufwirft: Ist Deckard vielleicht selbst ein Replikant, der bloß glaubt, ein Mensch zu sein?

Die große Frage nach der Menschlichkeit

Der Film arbeitet die wertvollen Anlagen des Romans weiter heraus und treibt sie auf die Spitze. Was aber beide Formate gleichermaßen genial macht, ist die Frage nach der Definition von Menschlichkeit. Im Kontext einer zerstörten und sinnentleerten Welt sind die Menschen hier nach wie vor auf der Suche nach Erfüllung und Gemeinschaft. Trotzdem können sie aus ihrer Haut nicht heraus und sind weiter gefangen in einem alten Spiel um Ansehen und Macht. Mit den Androiden haben sich die Menschen einen Gegenpol geschaffen, beinahe ein Feindbild, dass für alles stehen soll, dass nicht menschlich ist. Doch dann gehen eben diese künstlichen Geschöpfe hin und solidarisieren sich. Sie stehen für einandern ein, wo die Menschen sich in Gleichmut üben.

Buch wie Film lassen mich immer wieder darüber nachdenken, wie wichtig Empathie wirklich ist. Sie gibt uns die Möglichkeit, uns in unser Gegenüber hineinzuversetzen und die Welt von seinem Standpunkt aus zu betrachten. Sie sorgt dafür, dass wir uns als Gemeinschaft fühlen. In Zeiten von Hatespeech, Fake News und ähnlichen Phänomenen ist Empathie scheinbar selten und das Gefühl von Zusammenhalt und Gemeinschaft oft in Gefahr. Die Frage nach der Menschlichkeit führt daher wohl nicht unweigerlich zu einer gewissen Melancholie. Im Licht einer verkommenen Welt betrachtet, scheint so etwas Unscheinbares wie Mitgefühl oder Zuneigung wohl kaum erwähnenswert, ist am Ende aber der kleine Funke in der Dunkelheit, der das Leben doch erträglich macht. Für jemandem wie mich, der eine gewisse Neigung zum Weltschmerz hat, ist daher eine Geschichte, die genau diesen thematisiert, besonders reizvoll. Wahrscheinlich bin ich »Blade Runner« eben deshalb immer noch nicht satt.

Die nächste Nexus-Phase kommt

Wie den meisten wohl schon bemerkt haben, kommt am 6. Oktober 2017 der zweite Blade-Runner-Teil in die Kinos: »Blade Runner 2049« wird die Geschichte von Ridley Scotts 1982 erschienen Films fortführen und wohl viele neue Figuren und Handlungsstränge einführen. Noch bin ich skeptisch, aber auch sehr gespannt. Ein Urteil werde ich erst dann fällen, wenn ich den Film dann gesehen habe. Kurzfilme wie »2036: Nexus Dawn« machen mir auf jeden Fall Appetit auf die Fortsetzung.

Bevor es aber mit »Blade Runner 2049« weitergeht, werde ich mir wohl den ersten Film noch einmal ansehen. Jetzt, wo die Tage kürzer und die Nächte dunkler werden, könnte die Gelegenheit kaum besser sein. Außerdem helfen von Fans erstellte Tracks wie dieses dreistündige und sehr atmosphärische Meisterwerk, sich ein bisschen mehr Cyberpunk ins Haus zu holen. Das Stück eignet sich natürlich auch als musikalische Grundlage, wenn man an einem verregneten Tag mal wieder Philip K. Dicks Roman aus dem Regal holt und ein paar Seiten darin liest.

Sterne: ****

»Blade Runner« von Philip K. Dick
Verlag: FISCHER Tor
Länge: 272 Seiten
Preis: 14,99 Euro

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