Können wir mal über Depressionen reden?

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Der Arbeitstag neigt sich dem Ende zu. Ich streune mit meiner zur Hälfte ausgetrunkenen Cola durch die Agentur und strande eher zufällig neben einer Art Direktorin, die wie ich nur noch auf den Feierabend wartet. Wir kommen ins plaudern, reden über Freunde und Familie. Es ist ein überraschend vertrauliches Gespräch auf einer offenen Fläche, auf der insgesamt 22 Kreative zusammensitzen. Ich weiß nicht mehr, wie wir auf das Thema kommen, aber plötzlich erzähle ich ihr von meinen Depressionen und meinen Erfahrung in fast zehn Jahren Therapie. Sie hört interessiert zu, nickt fleißig. Und in eine Sprechpause hinein sagt sie leise: »Das klingt toll, aber sprich lieber nicht so laut. Es hören ja noch andere zu. Wer weiß, was die dann tratschen.«

Ich sehe sie an, mit einem Mal stumm wie ein Fisch. In meinem Kopf herrscht ein Wirrwarr aus Worten. Meinen Gedanken fehlt jede Klarheit. Verwirrt drehe ich mich auf meinem Stuhl um und betrachte die Kollegen, die einige Meter entfernt konzentriert auf ihre Bildschirme starren. Auf ihren Gesichtern zeigt sich keine Regung, aber das heißt ja nichts. Gut möglich, dass sie wirklich gehört haben, was ich gerade gesagt habe.

»Mir doch egal«, sage ich schließlich zu meiner Kollegin. »Die Leute können ruhig wissen, dass ich Depressionen hatte. Ich schäme mich nicht dafür.«

Diese oder ähnliche Gespräche führe ich in meinem Leben immer wieder. Besonders Bekannte und KollegInnen reagieren mit Verblüffung, manchmal sogar Entsetzen, wenn ich ihnen von der Person erzähle, die ich vor zehn Jahren war. Das könnten sie sich ja gar nicht vorstellen, ist eine der vielen Antworten. Du wirkst gar nicht so, eine andere. Was ich mich immer zu der Frage führt: Was erwarten Menschen, wie Depressive zu sein haben?

Oft kommt es mir vor, als müssten Depressionen ein Stigma sein, dass man auf ewig mit sich herumträgt. Und ja: Es gibt Aspekte von Depressionen, die einem noch zu schaffen machen, wenn man eigentlich schon über den Berg ist. Ich persönlich verfalle gern in Zweifel und mache mich selbst fertig, wenn ich eine Aufgabe nicht meinem überhöhten Ideal entsprechend abgeschlossen habe. Ich riege regelrechten Hass auf mich, wenn ich wütend werde, und schäme mich in Grund und Boden. All das sind Fragmente einer mentalen Krankheit, die mich seit meiner frühesten Jugend plagt. Es hat mich zehn Jahre meines Lebens gekostet, damit umgehen zu lernen. Doch das Wissen um diese Mechanismen hat mich stärker und selbstbewusster gemacht. Der Mensch, der ich heute bin, ist das Ergebnis vieler tausend Schritte.

Heute gibt es Tage, an denen es mir selbst schwer fällt, mich in die Rina von vor zehn Jahren zurück zu versetzen. Manchmal finde ich ein altes Foto oder eine Postkarte oder einen Text, den ich damals schrieb, und bin von mir selbst überrascht. War das wirklich ich? Doch anstatt mich dafür zu schämen, erkenne ich an, wer und wie ich war. Mehr noch, ich bin dankbar dafür, was mich diese Zeit über mich selbst gelehrt hat.

Wie war ich denn nun, zehn Jahre früher?

Zurück zum Dezember 2007. Seit einem Jahr mache ich eine Ausbildung zur Kauffrau für Marketingkommunikation und wohne in einem 22 Quadratmeter großen Schuhkarton, der Küche, Arbeits-, Wohn- und Schlafzimmer in einem ist. Ich lebe von etwa 700 Euro im Monat (von denen über die Hälfte für den besagten Schuhkarton draufgehen) und lebe in der ständigen Angst, dass meine Vermieterin mich auf den Zustand meiner Wohnung anspricht. Aufräumen ist nicht mein Ding, Geschirrspülen schon gar nicht. Reste von Fertigmahlzeiten und billigen Nudelgerichten türmen sich auf dem Tisch. Ich weiß, dass der Mist nicht gut für mich ist und ich davon innerhalb eines Jahres fast 30 Kilo zugenommen habe, aber ich fühle mich machtlos und kann nicht aufhören.

Wenn ich heute so daran zurückdenke, spiegelten meine Wohnung und mein Speiseplan den Zustand meiner Seele wieder.

Damals war ich 21 Jahre alt und hielt meine eigene Existenz kaum aus. Ich verteufelte mich dafür, dass ich nicht den Mut hatte, selbiger endlich ein Ende zu machen und meine Mitmenschen von mir selbst zu erlösen. Mut ist hier natürlich mit sehr, sehr großen Anführungsstrichen zu verstehen. Auch damals wusste ich, dass an Selbstmord nichts Glorreiches ist. Trotzdem dachte ich immer wieder darüber nach, ja, träumte mir sogar das ersehnte Ende des Schmerzes in den Tod hinein. Heute denke ich, dass es Mut war, der mich dazu brachte, weiterzumachen und etwas an dieser bedauerlichen Situation zu ändern.

Zu feige zum Leben, zu mutig zum Sterben.

Mit 21 fühlte sich das für mich allerdings nicht so an. Ich war so gefangen im Schmerz, den die Vergangenheit mir bereitet hatte, dass meine Prognosen für die Zukunft ähnlich schwarz ausfielen. In meinem Kopf würde der Kreislauf aus Verletzung, Schmerz und Selbstgeißelung ewig weitergehen. Selbst als ich meine erste Therapie anfing, glaubte ich nicht so wirklich daran, mich jemals wohl in meiner Haut zu fühlen. So, wie ich rückblickend nicht mehr verstehe, wie ich mit 21 drauf war, fiel es mir damals schwer, mir ein anderes Ich vorzustellen.

Die Veränderungen wollten sich über die ersten Jahren auch nicht einstellen. Die meiste Zeit war es mehr ein Über-Wasser-halten als alles andere. Dann kam der Umzug nach Hamburg. Ich hatte einen Platz an der Texterschmiede bekommen und würde in Zukunft meine Brötchen mit dem Schreiben verdienen (mehr oder weniger). Ich zog in eine WG am berüchtigten Hans-Albers-Platz mit Blick auf die Reeperbahn und bekam einen solchen Höhenflug, dass mir die Bodenhaftung komplett flöten ging. Jetzt wird alles anders, sagte ich mir. Ab sofort ist mein Leben obergeil.

Natürlich war mein Leben nicht mit einem Mal obergeil. Kaum drei Monate nach meinem Umzug nach Hamburg hatte ich alle meine Freunde vergrätzt und stromerte allein im Nieselregen über den Fischmarkt. Erst da passierte etwas mit mir. Ich wusste, das ist der Tiefpunkt. Und plötzlich tat sich etwas. Ich suchte einen neuen Therapieplatz und arbeitete jeden Tag an mir.

Das Leben kippt ins Positive.

Ich weiß nicht genau, ab wann sich mein Leben anfing, sich gut anzufühlen. Es war einfach irgendwann soweit. Ich ging eine Straße entlang, aß ein Eis im Sonnenschein und ich dachte, wow, das Leben ist echt in Ordnung. Von da an wurden meine Fortschritte immer größer. Ich konnte mich Menschen besser anvertrauen und verlor meine Scheu vor Fremden. Ich lernte meine eigene Leistungsfähigkeit kennen und schätzen und fand neue Freunde, die meine Sichtweise erweiterten. Smalltalk machte mir keine Bauchschmerzen mehr, Präsentationen gingen problemlos über die Bühne. Heute ist meine Wohnung aufgeräumt und mit Möbeln eingerichtet, die mich glücklich machen. Nur mein Speiseplan, der könnte noch ein wenig optimiert werden.

Hier bin ich also und schreibe diesen Artikel mit feuriger Leidenschaft. Am liebsten würde ich die Energie, die ich in meiner Brust spüre, an jene weitergeben, die noch am Anfang ihrer Reise stehen. Ich wünschte, ich könnte ihnen klar machen, dass ihr Weg nicht vorgezeichnet ist und dass sich das Leben besser anfühlen kann, als man sich das mit Depressionen jemals ausmalen könnte.

Zwar wünschte ich, dass ich all das, was ich heute weiß, schon mit 21 gewusst hätte, aber das bleibt auf ewig ein Gedankenspiel. Die Vergangenheit kann ich nicht ändern, die Zukunft aber schon. Und ich bin erst 31 Jahre alt. Wie werde ich mit 41 sein? Oder 51? Oder gar mit 81?

Look at where you are
Look at where you started
The fact that you’re alive
is a miracle.

– »That Would Be Enough«, Hamilton

Depression sollte kein Stigma sein.

Zurück zum Ausgangspunkt. Wenn ich mit diesem Beitrag ein Anliegen verfolge, dann das: Wir müssen mehr über Depressionen sprechen. Betroffene wie Unbetroffene. Denn sie prägen Menschen, sind Teil ihrer Geschichte. Sich für die eigene Depression zu schämen, würde bedeuten, sich für die eigenen Geschichte und damit für sich selbst zu schämen. Ich hab’s ausprobiert und für Blödsinn befunden. Es ist ein Teufelskreis, der sich immer enger zieht, bis einem keine Luft mehr zum Atmen bleibt.

Vermutlich antizipieren Unbetroffene dieses sich selbst erhaltende Scham-System als charakteristisch für Depressive. Wenn man mittendrin steckt, stimmt das sogar ein Stück weit. Aber Depressionen überwindet man nicht, in dem man sich in sein Schicksal fügt und mit der Scham zu leben lernt. Man verarbeitet, durchbricht und überwindet sie. Man lernt, dass das, wofür man sich schämt, nichts mit einem selbst zu tun hat. Vermutlich wirke ich deshalb nicht wie das, was andere als stereotypische Depressive erwarten. Ich erkenne meine eigenen Erlebnisse als das an, was sie sind: ein Teil von mir, der mich geprägt hat. Aber ich weigere mich auch, der Depression Macht über mein Leben zuzusprechen.

Wenn also wieder jemand sagt, ich käme nicht wie die »typische Depressive« daher, dann lache ich und leiste die notwendige Aufklärungsarbeit. Denn Depressionen sind eine scheißernste Angelegenheit. Sie können Leben kosten. Wenn ich kann, will ich dafür sorgen, dass die Welt das ein bisschen besser versteht und anderen Kraft geben, ihre Depression nicht als Stigma zu verstehen. Denn das ist sie nicht. Sie ist nur ein Kapitel in dem großen Buch, das wir unser Leben nennen.


Bildquelle: Yuris Alhumaydy via Unsplash.com

  1. Mai 8, 2018 5:40 pm

    Danke =)

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