Goodbye, Bücher! – Minimalismus für Buchliebhaber

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Der Traum fast jeden Buchliebhabers ist die eigene Bibliothek. Man liebt sie, wenn man vor dem Bücherregal steht und gedankenverloren durch eines der Bücher blättert. Man kauft Deko und Funkopop-Figuren, um sie noch weiter zu verschönern. Und man kauft mehr und mehr Bücher, die man sie noch lange nicht lesen kann und wird, nur um sie zu den anderen ins Regal zu stellen. Und das ist auch total in Ordnung. Bücher verleihen meiner Meinung nach jede Wohnung Charme und lassen sie lebendiger wirken. Ein Zuhause ohne Büchern dagegen ist blutlos und leer.

Es verwundert also niemanden, dass auch ich lange lange Bücher gehortet habe, um meine persönliche Bücherei aufzustocken und freie Flächen im Regal zu füllen. Doch dann kam eine Idee in mein Leben, die mich ganz neu darüber nachdenken ließ: der Minimalismus. Eigentlich ist es kein neues Konzept, doch habe ich noch nie wirklich darüber nachgedacht. Bis jetzt. Und seitdem ist nichts mehr, wie es war.

Moment, Minimal-was?

Marie Kondos »Magic Cleaning« ist ja inzwischen auch in Deutschland ein Bestseller. In ihrem Buch führt Kondo ihre Leser an das Thema des Ausmistens heran und welch heilende Wirkung es auf den Geist haben kann. Eine Wirkung, die ich bestätigen kann, auch ohne »Magic Cleaning« gelesen zu haben. Ich habe schon immer gern und viel ausgemistet, um mich von unnötigem Ballast zu befreien. Kaputte Kleidung kommt in den Müll, alles andere zu Oxfam. Haushaltsgegenstände, die ich nicht mehr brauchte und die noch gut in Schuss waren, verschenkte ich über Facebook-Gruppen wie »Free your Stuff« an Leute, die sie besser gebrauchen konnten. Aber meine Bücher aussortieren? No f*ing way! Ein Heiligtum kann man nicht weg geben – oder etwa doch?

Aber was ist denn nun Minimalismus? Wenn man ins Internet guckt, gibt es da eine ganze Reihe unterschiedlicher Auslegungen. Am besten gefällt mir die Haltung von The Minimalists. Sie definieren Minimalismus nicht als puren Wegwerfwahn. Auch behaupteten sie nicht, dass nur der minimalistisch lebt, der seine Wohnung beinahe leer räumt und anschließend alles weiß streicht. Zwar führt einen die Reduktion auf das Wesentlich schnell in ein stark entrümpeltes, aber nicht notwendigerweise spartanisches Zuhause. Im Gegenteil, für sie lebt man minimalistisch, wenn er oder sie sich nur mit den Dingen umgibt, die ihm oder ihr Freude. Oder einen konkreten Nutzen bringen.

Für Letzteres habe ich hier ein plakatives Beispiel: Ich bin durch meinen Beruf viel unterwegs und nutze meine Wohnung als einen Rückzugspunkt. Besuch bekomme ich nur selten und wenn, dann sind es nie mehr als zwei oder drei Personen. Als mir das klar wurde, aber ich das 32-teilige Küchenservice meiner Mutter gegen ein neues mit nur 8 Teilen ausgetauscht. Wer jetzt denkt, dass meine Mutter deswegen beleidigt war, kann beruhigt sein. Auch sie wirft seit jeher gerne und viele Dinge weg. Ich gab also das Service weiter und habe ihm keinen Tag hinterher getrauert.

Aber geht Minimalismus auch mit Büchern?

Nachdem ich Ende letzten Jahres ein paar Wochen Zeit für mich hatte, habe ich meine Wohnung nach dieser Methodik durchforstet und mich von allerhand Sachen getrennt. Nichts war mehr sicher: selbst alte Skizzen, die ich nicht fertig gemacht habe, sind in den Müll gewandert. Was für ein Befreiungsschlag! Als ich dann fertig war, gab es nur eine unangetastete Stelle in meiner Wohnung. Ja, richtig, die Bücherregale.

Ich stand davor, sah die Buchrücken lange an und dachte dann: »Viele von denen mag ich sehr gern. Einige werde ich sicher mal wieder lesen. Aber da sind auch ganz schön viele, die ich nicht mochte oder die nur mittelmäßig gut waren. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich die noch mal anfassen?«

Von da an änderte sich mein Denken komplett. Ich ging durch alle Regale und fand an diesem Tag fast 100 Bücher, die nicht im Grunde meines Herzens nicht wirklich behalten wollte. Also packte ich alle ein und brachte sie zu Aktion Buch, einem Hamburger Buchspende-Dienst. Die Damen hinterm Tresen waren glücklich, denn die Bücher waren in einem guten Zustand, und ich war einmal mehr froh, ein bisschen Ballast losgeworden zu sein.

Das Paradoxe ist: Ich habe so viele Jahre damit verbracht, diese Bücher zu sammeln, dass ich selbst überrascht war, wie schnell ich mich wieder von ihnen trennen konnte. Okay, es hat mich eine ganze Weile gebraucht, um bis an diesen Punkt zu gelangen. Aber seitdem weiß ich die Bücher, die ich behalten habe und die mir Freude geben, noch mehr zu schätzen als vorher.

Seit der Entrümplung begleitet mich der Gedanke, dass ich Bücher auf eine Weise glorifiziert habe, die jenseits der Logik ist. Ich dachte, ich bin eine Leserin und Buchliebhaberin, natürlich muss ich Bücher sammeln, hegen und pflegen wie meine Kinder. Die Wahrheit ist: Ich muss gar nichts. Die Tatsache, dass ich Bücher wieder in die Wildnis entlasse, macht mich meines Erachtens nicht zu einer weniger passionierten Leserin. Ich liebe es von ganzem Herzen, meine Tage auf dem Sofa zu verbringen, eingewickelt in eine dicke Decke und mit einem hervorragenden Buch auf dem Schoß. Ich liebe es, Bücher aus dem Regal zu ziehen, nur um sie für einen Moment in der Hand zu halten und ihren Duft zu riechen.

Minimalismus muss nicht für jeden sein – aber es kann

Hinter meiner neuen Einstellung steht nicht nur der Wunsch nach weniger Ballaststoffen in meinem Leben. Im Grunde möchte ich mich von jedem Statusdenken befreien. Ich möchte ich selbst sein, nicht die Dinge, die ich besitze. Im Umkehrschluss bedeutet das: Je weniger Eigentum ich besitze, desto mehr kann ich mich auf mich selbst und meine Leidenschaften konzentrieren. Insofern hat mir minimalistisches Denken tatsächlich geholfen, Ordnung in meine Wohnung und in meinen Kopf zu bringen. Ich kann mich besser Fokussieren und wähle sorgfältiger aus – nicht nur Büchern, sondern alle Arten von Anschaffungen.

Wahrscheinlich wegen eben dieser Berichte wird der Minimalismus – wie auch die Achtsamkeit – als neues Allheilmittel gegen Überfrachtung und Stress hochgehalten. Für mich ist er wirklich ein gutes Mittel für mehr »Peace of Mind«, aber das muss nicht für jeden gelten. Erst vor ein paar Wochen hatte ich mit einer Bekannten ein interessantes Gespräch darüber, warum es ihr schwerfällt, sich von Dingen zu trennen. In ihrem Kopf symbolisieren viele der Gegenstände besondere Ereignisse oder erinnern sie an geliebte Menschen. Diese Dinge wegzuwerfen oder an jemand anderen zu geben wäre für sie daher keine Option. Und das ist okay.  Für jedes Problem müssen wir unsere ganz eigene Lösung finden, die im Einklang mit unserer Persönlichkeit steht.

Ich persönlich habe mit dem Minimalismus einen Weg gefunden, mich von Dingen zu trennen, die mich nicht glücklich machen und das schließt Bücher mit ein. Ich möchte sie nicht weiter glorifizieren, nur um als Teil einer Community zu gelten oder mir selbst zu beweisen, dass ich wirklich eine Buchliebhaberin bin. Ich will die Bücher um ihrer selbst willen lesen und lieben, aber dafür muss ich sie nicht für immer besitzen. Denn das, was sie mir geben, bleibt in meinen eigenen Gedanken lebendig, auch wenn das physische Buch schon lange nicht mehr bei mir ist.

Zum Schluss ein paar Empfehlungen

Falls ihr euch noch tiefer mit dem Thema befassen wollt, habe ich hier ein paar Videos, die sich zu schauen lohnen. Zum einen ist da Ariel Bissett, die ein schönes Video zum Thema »Minimalismus als Buchliebhaber« gefilmt hat, dass ihr hier auf YouTube anschauen könnt. Ansonsten empfehle ich allen Interessierten den TED Talk »The Art of Letting Go« von den Minimalists zu schauen. Die Jungs sind klug und dabei auch noch sehr unterhaltsam.

Wie seht ihr das? Habt ihr euch schon mal Gedanken über dieses Thema gemacht oder habt schon man Bücher im großen Stil aussortiert? Schreibt’s mir gern in die Kommentare. Ich freue mich auf eure Gedanken und wünsche euch einen schönen Start ins Wochenende. Macht’s gut!

Bildquelle: Unsplash.com

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