Projekt-Update 4: Weltenbau per Kartografie

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Die Möglichkeit, in neue Welten abzutauchen, ist einer der Aspekte, den ich an der Fantasy besonders liebe. Umso mehr, wenn man sich als AutorIn daran macht, diese fremde Welt selbst zu entwerfen. Es ist Kopfübung und Eskapismus gleichermaßen. Auch der »Chronik der Herzlosen« brauchte ich natürlich eine Welt, an dem die Handlung stattfinden konnte. Aber bei der Entwicklung stieß ich an einige Grenzen.

Beim Schreiben Welten bauen

Eine Geschichte minutiös im Voraus zu planen, funktioniert bei mir leider eher schlecht als recht. Zu genau ausgearbeiteter Plot schränkt mich ebenso ein wie eine Welt, die ich bereits vollständig entworfen habe. Daher gehe ich meist nach dem Prinzip »Bauen beim Schreiben« vor. Während ich also an der Erstfassung arbeite, ergeben sich viele Dinge aus dem Verlauf der Geschichte heraus. Das gilt für historische Ereignisse ebenso wie politische Verhältnisse. Natürlich sind auch Orte und Länder in Beschreibungen und Gesprächen der Figuren Thema. Meist geht dieses Prinzip, weil es mir die Möglichkeit gibt, im Schreibfluss zu bleiben und damit den Strom der Wörter nicht abreißen zu lassen.

Irgendwann aber kommt immer der Moment, an dem die einzelnen Puzzlestücke wieder zusammengefügt werden müssen. Im Falle der Chronik der Herzlosen sind das gar nicht mal so wenige. Da das Buch aus fünf Geschichten besteht, die komplett unterschiedlichen Setting stattfinden, musste ich die Einzelheiten so gut es ging im Kopf behalten und schon mal schauen, wie ich die Informationen logisch aneinander knüpfen konnte. Mitten in Story Nr. 4 merkte ich allerdings, dass das allein nicht ausreicht.

Von Worten zu Welten

Schon als ich mit dem Projekt anfing, hatte ich ein klares Bild davon vor Augen, welche politischen Mächte die Welt beherrschen würden: Da war zum einen die Republik Pourponien, die an das Römische Reich angelehnt, zum anderen die Grafschaften, die sich in viele kleine Länder zersplitterten. Beide Regionen sollten aus einem Kaiserreich hervorgehen, das von Rebellen gestürzt worden war, um eine Demokratie zu errichten. Die Grafschaften bildeten in diesem Kontext so etwas wie den mickrigen Rest dieses Kaiserreiches, in dem sich die einstigen Kronvasallen um die Länder schlugen.

Mit diesem Konstrukt im Kopf siedelte ich die Geschichten meiner fünf Figuren in den verschiedenen Settings an. Besonders die Grafschaften boten durch die Vielfalt ein gutes Spielfeld und ergaben sich im Kontext quasi automatisch bestimmte Adelshäuser in die Länder, über die sie reagierten. Um mir aber einen besseren Überblick zu verschaffen und die Details nicht durcheinander zu werfen, holte ich meine allererste Skizze der Welt Mesembra wieder hervor, die ich 2014 zum National Novel Writing Month angefertigt hatte, und begann sie nach und nach auszubauen. Die Worte wurden nach und nach zu einer sichtbaren Welt.

Der wahre Durchbruch kam aber erst, als ich mich an den Rechner setzte und mich daran machte, eine konkrete Karte zu zeichnen und auch die bis dahin weißen Flecken zwischen den Landstrichen zu füllen. Ich entdeckte sofort Unstimmigkeiten im Text oder konnte noch mehr Details für die Darstellung der Umgebung als Notizen festhalten, um die Erzählung noch lebendiger zu machen. Ich würde sogar behaupten: Mit dem Erstellen der endgültigen Karte für die Welt konnte ich den Weltenbau für mich erst so richtig abschließen und den Gedanken in meinem Kopf eine echte Form geben. Was das angeht, bin ich ein sehr visuell veranlagter Mensch. Ich kann mir Information besser anhand von Bildern als denn über einen ausufernden Glossar merken.

Karten zeichnen mit Inkarnate Maps

Nun bin ich mit Stift und Papier nicht ganz unbegabt, aber mir war für die Handhabung eine digitale Karte lieber. Anstatt mich aber mit Photoshop abzukämpfen (auch wenn es zahlreiche Tutorials zu diesem Thema gibt), fand ich für mich eine einfacher zu nutzende Lösung: Inkarnate Maps. Diese Plattform existiert erst seit wenigen Jahren und war ursprünglich für Rollenspieler gedacht, die mit diesem Online-Editor Karten für eine Pen-and-Paper-Abende entwickeln konnten. Die Seite befindet sich nach wie vor im Beta-Modus und hat ein ums andere Mal erhebliche Ladezeiten, bietet dafür aber eine große Auswahl an Gestaltungsmöglichkeiten. Für nur 25 € im Jahr kann man mit einem Pro-Abonnement sogar 500+ Elemente freischalten, Karten in Druck-Auflösung anlegen und sie sogar kommerziell nutzen (zum Beispiel in einem Buch, hust).

Man liest vielleicht schon heraus, dass ich ein Fan von Inkarnate Maps und es wirklich großartig fand, damit die Karte für die »Chronik der Herzlosen« zu entwickeln. Wie bei allem, das man zum ersten Mal macht, musste ich mich in die Werkzeuge und Bedienung des Editors einarbeiten, aber danach war es sozusagen ein Selbstläufer. Und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, die Welt, an der ich da baute, wirklich zu verstehen.Weiter im Text: Die Chronik der Herzlosen wartetNach dieser visuellen Exkursion fühle ich mich bereit, den Text wieder in Angriff zu nehmen. Tatsächlich stecke ich, während ich diesen Text schreibe, mitten in der fünften und letzten Story des Buches, was sich etwa surreal anfühlt. Zwar drängen sich hier und da ein paar Plotbunnies auf, aber bisher konnte ich mich am Riemen reißen und dem gesetzten Kurs folgen. Mit ein wenig Glück kann ich in ein paar Wochen sagen: die Erstfassung ist fertig. Das wäre absolut grandios. Denn dann kann ich anfangen, mehr vom eigentlichen Text zu teilen. Darauf freue ich mich enorm. <3

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